Am untersten Zipfel der arabischen Halbinsel, ganz im Süden des Oman liegen, von tausenden Kilometern trockener, karger Wüstenlandschaft umgeben, die Berge des Dhofar-Gebirges. In den Sommermonaten, die den Rest des Landes in schwirrende Hitze tauchen, ziehen hier die letzten Ausläufer des von Indien kommenden Monsuns hinweg und hüllen die Berghänge mit einem Schlag in üppige, grüne Wälder, in deren Baumwipfeln Nebelschwaden hängen und zu dessen Wurzeln sich türkisblaue Flüsse ihren Weg durch die Täler bahnen. „Arabia felix“, das „glückliche Arabien“, nannten die Römer diesen Ort, der für sie von einer fast schon mystischen Aura erfüllt war und diese bis heute nicht eingebüßt hat. Die Römer selbst waren nie dort, aber sie kannten und begehrten, wie viele andere Völker der Antike und des Mittelalters, den Schatz, den die arabischen Händler aus dieser Region mit sich brachten – Weihrauch.


Das begehrte Räucherwerk wird aus dem Harz des Weihrauchbaumes gewonnen. Man unterscheidet verschiedene Arten des Weihrauchbaumes, am geläufigsten sind der in Arabien und Nordafrika vorkommende „Boswellia Sacra“ und der in Indien beheimatete „Boswellia serrata“. Seinen Ursprung hat der Weihrauchabbau und –handel jedoch in Arabien. Bereits vor circa 9000 Jahren begann man in der Region Dhofar mit dem Abbau von Weihrauch. An den Methoden zur Gewinnung des kostbaren Rohstoffes hat sich seitdem bis heute nur wenig verändert. Mit einem scharfen Messer oder Spachtel wird der Stamm des Baumes aufgeritzt, so dass eine milchig-weiße Flüssigkeit aus dem Ritz in der Rinde austritt. Diese Flüssigkeit nimmt durch das Trocknen an der Luft eine harzige Konsistenz an. Die dabei entstandenen Harzperlen werden schließlich abgeerntet. Der Vorgang des Anritzens der Stämme wird im Laufe der Erntezeit, die Monate andauert, alle paar Wochen wiederholt. Die Qualität des Harzes wird indes zum Ende der Erntezeit immer hochwertiger, da das Harz klarer wird. Das Wissen über den Weihrauchabbau wird in Dhofar seit Beginn an von Generation an Generation weitergereicht und hat so Jahrtausende überdauert.


Heute wird Weihrauch überall dort angebaut, wo die klimatischen Bedingungen es zulassen. Die wichtigsten Anbaugebiete von Weihrauch liegen mittlerweile in Nordafrika, vor allem in Somalia und Äthiopien. Längst schöpft Dhofar nicht mehr von den Reichtümern, die der Handel des harzigen Schatzes der Region in der Antike gebracht hat. Die Produktion ist geschrumpft, viele junge Leute zieht es in die Großstädte, wo gut bezahlte Jobs bei Ölkonzernen oder in der Tourismusbranche in Aussicht stehen. Aber obwohl Weihrauch heutzutage nicht mehr als Luxusgut gilt und im gleichen Atemzug wie Gold genannt wird, erfreut es sich doch in den letzten Jahrzehnten wieder einer größeren Nachfrage. Besonders gerade erforschte Möglichkeiten zur Verwendung in der Medizin könnten die Produktion erneut ankurbeln.


Seit dem Jahr 2000 steht das größte Weihrauchanbaugebiet Dhofars, Wadi Doka, auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Damit wird die tragende Rolle der Region in der Kulturgeschichte des Morgen- sowie Abendlandes hervorgehoben und an die glänzenden Zeiten der „Arabia felix“ gedacht.