Weihrauch ist hat seinen festen Platz in der Liturgie der katholischen Kirchen und wir finden ihn in der Bibel in zahlreichen Stellen erwähnt. Gleichzeitig war er seit dem Altertum immer schon ein wesentlicher Bestandteil in der Medizin. Deswegen ist Weihrauch immer eng verbunden mit den Begriffen Heilung und Heil. Bei Jesus ist Heilung und Heil nicht voneinander zu trennen. Jesus heilt die Menschen und macht sie dadurch wieder heil, d.h. er stellt das Ganz-Sein des Menschen wieder her. Im deutschen Wort "Weihrauch" finden wir diese beiden Begrifflichkeiten ganz eng miteinander verknüpft. Denn die Silbe "weih" deutet auf diese heilige und zugleich heilende Dimension. Dass das heilige immer eine heilende Wirkung hatte, war  im medizinischen Denken nicht nur des Abendlandes immer verankert. Im Einsatz und Gebrauch des Weihrauchs kann man über viele Jahrtausende und in allen Kulturen eine ganz enge Verknüpfung von Gottesdienst (Heil)und Medizin (Heilung) erkennen. Was macht den Weihrauch über Jahrtausende hinweg so wertvoll und bedeutsam?

 

Weihrauch - die botanischen und ökonomischen Besonderheiten

Weihrauch gedeiht nur in einem ganz eng begrenzten Gebiet, dem sogenannten Weihrauchgürtel. Weihrauch erntet man im Sultanat Oman, in Jemen, Somalia, Äthiopien, Eritrea und in Indien. Der Weihrauchbaum kann normalerweise nicht kultiviert werden und wächst in diesen Regionen wild und benötigt ganz besondere Bedingungen an Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Anbauhöhe und Bodenbeschaffenheit für sein Gedeihen. Wir kennen ca. 25 verschiedene Weihraucharten, die sich in der Zusammensetzung der Boswelliasäuren, des Duftes, und der Farbe unterscheiden. Der Handel mit Weihrauch bewirkte immer einen intensiven Austausch zwischen den Kulturen. Berühmt geworden ist die sogenannte Weihrauchstraße, auf der bereits im 10 Jahrhundert vor Christus ein reger Austausch des begehrten Harzes stattfand. Neben Weihrauch wurden Gewürze, Edelsteine und andere wertvolle Waren zwischen Indien, China, Japan und dem Mittelmeer hin- und hertransportiert. Jeder, der das heiß begehrte Harz erntete, mit ihm handelte, oder es transportierte konnte sehr reich und mächtig werden. Für die Nutzung der Weihrauchstraße wurden hohe Wegezölle erhoben. Diese und der aufwendige Transport über tausende von Kilometern mit Kamelen machten das Weihrauchharz zu einer Kostbarkeit und im alten Rom wurde Weihrauch mit Gold aufgewogen. In der Blütezeit des Weihrauchhandels (500 v. Chr. und 300 n. Chr.) wurden jährlich tausende von Tonnen Harz über die Weihrauchstraße transportiert.

 

Weihrauch - die politischen Besonderheiten

Der Weihrauch brachte einigen Völkern viel Reichtum und Macht und ließ so Hochkulturen entstehen. Das Königreich Saba im Jemen kontrollierte die Weihrauchstraße und damit den Weihrauchhandel über mehrere Jahrhunderte und wurde sagenumwoben reich. Die Königin von Saba ist eine biblische Gestalt, die im 10 Jahrhundert vor Christus eine Reise zum Hofe des Königs Salomon in Jerusalem unternommen haben soll und der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtete über die Königin von Saba, dass sie den Samen des Weihrauchbaumes nach Palästina gebracht haben soll. Wo Reichtum war, da gibt es auch vielfältige Interessen. Alexander der Große entwickelt Pläne, den Weihrauchhandel zu kontrollieren und Rom schickte sogar eine Armee in den Süden Arabiens. Weihrauch war in Rom von höchster Wichtigkeit. Er wurde im Laufe der Zeit zur alleinigen Opfergabe für die Götter, in der römischen Kaiserzeit wurden Weihrauchopfer vor allen Kaiserstatuen dargebracht und nicht zuletzt wurde Weihrauch immer dann eingesetzt, wenn Gerüche überdeckt werden sollten, wie z.B. bei Beerdigungen. Der Besitz und die Verwendung von Weihrauch war in Rom aber auch ein wichtiges Statussymbol und nicht zuletzt wurde er medizinisch als "materia medica" eingesetzt. Schließlich gelang den Persern mit der Eroberung des nördlichsten Weihrauchlandes - dem Königreich der Himyariden - eine Blockade der Weihrauchstraße im Mittelmeerraum. In der Folge wurde der Weihrauch kostengünstiger über den Seeweg transportiert und die Weihrauchstraße verlor immer mehr an Bedeutung. Und mit Rom verlor der Weihrauchmarkt einen seiner größten Kunden, da die rituelle Räucherung nach der Kaiserzeit immer weiter reduziert worden ist. Nach anfänglich deutlicher Ablehnung im frühen Christentum, fand der Weihrauch seinen anfangs zaghaften Einzug in die Liturgie der Kirche unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert nach Christus. Mit der Verbreitung des Islams in den Herkunftsländern des Weihrauchs sank der Bedarf noch einmal, da das Harz in der islamischen Welt nicht mehr zu religiösen, sondern nunmehr zu medizinischen und profanen Zwecken eingesetzt wurde.

 

Weihrauch - seine medizinische Wirkung und Verwendung

Der wohl älteste medizinische Gebrauch von Weihrauch findet sich in der traditionellen Medizin des Orients und Indiens. Sein Einsatzgebiet war hier fokussiert auf die Bereiche Entzündungen und Nervenleiden. Die Behandlung von Magen- und Darmerkrankungen, Infektionen, Atemwegserkrankungen, Leberentzündungen, Hauterkrankungen und Autoimmunerkrankungen sind typische Anwendungsgebiete der indischen Ayurveda-Heilkunst. Sein Rauch und das Harz selbst werden auch zur Beeinflussung des psychischen Befindens herangezogen. Die traditionelle chinesische Medizin verwendet Weihrauch zur Behandlung von Hautkrankheiten und Erkältungen. Und die ägyptische Medizin setzt ihn zur Wiederherstellung des seelischen Gleichgewichts sowie bei rheumatischen und vielen anderen Erkrankungen ein, wie dem Papyrus Eber zu entnehmen ist. Im Großreich Alexander des Großen waren es die griechischen Ärzte, die den Weihrauch zu einem Allheilmittel, zur "materia medica" eingesetzt und dieses Wissen weiter nach Rom gebracht haben, wo es Jahrhunderte lang eine Monopolstellung innehatte.

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches gab es aber kaum mehr Zugriff auf die antiken Schriften. Vorreiter in dieser Zeit waren die Klöster, die ab dem 6. Jahrhundert die alten Schriften wieder erschlossen. Die Medizin in dieser Zeit entwickelte sich im Spannungsfeld frühmittelalterlicher Frömmigkeit, dem Glauben an Wunderheilungen und der Entwicklung der Klostermedizin in den vielen aufstrebenden Konvente und Klöster. Die Klöster waren die Erben der antiken medizinischen Kultur und durch eine Art Kulturreform Kaiser Karls des Großen wurde den Klöstern explizit die Heilkunde übertragen. Es wurden Richtlinien für idealtypische Klostergärten und deren Anpflanzung entwickelt. Obwohl Weihrauch in den Klostergärten nicht gepflanzt werden konnte, spielte er in der mittelalterlichen Klostermedizin die zentrale Rolle, gespeist auch durch die religiöse Vorstellung von Heilung und Heil. Im Lorscher Arzneibuch Ende des 8. Jahrhunderts finden wir die hohe Bedeutung des Weihrauchs bei der Behandlung fast aller Krankheitsbilder. Der Weihrauch erreicht so einen heiligen Status als universelle "materia medica" im frühen Mittelalter.  Im Hochmittelalter wurde die antike Medizin und die Klostermedizin ergänzt durch die Volksmedizin. Deren Grundstein legte Hildegard von Bingen, indem sie die Heilkraft von Heilkräutern und -pflanzen, Steinen und einfachen Lebensmitteln erkannte. Weihrauch verwendete sie in vielen ihrer Rezepturen. Heilung und Heil erfährt der Kranke nur durch die Hinwendung zum Glauben, weil dieser allein Gute Werke und eine maßvolle Lebensführung hervorbringt, welche für sie der Garant für eine gesunde Lebensweise bildet.

Arabische Ärzte brachten ihre umfassenden medizinischen Kenntnisse mit nach Europa. Verbreitet wurde ihr Wissen von den Mönchen der großen europäischen Klöster, der Übersetzerschule von Toledo und der Medizinschule von Salerno. Was die Anwendung von Weihrauch weiter gesteigert hat. Die arabische Medizin wurde in die Klostermedizin integriert und mit ihr auch der Weihrauch. Neben den Klöstern waren es die Universitäten, in denen die vielfältigen Indikationen für den Einsatz von Weihrauch zusammentragen worden sind. Bis zum 19. Jahrhundert war der Weihrauch eine bekannte und verbreitete Medizin. Der Weihrauch wurde dann immer mehr verdrängt von den chemisch hergestellten Medikamenten. Im 20 Jahrhundert rückte er wieder aufgrund seiner antientzündlichen Eigenschaften in den Blickpunkt der Verbraucher. Das Interesse an Alternativmedizin, an der ayurvedischen Heilkunst und der traditionellen chinesischen Medizin verhalf dem Weihrauch zu einer  Renaissance.

 

Weihrauch - seine theologische Bedeutung

Den Gebrauch von Weihrauch finden wir nicht nur in vielen heutigen Religionen, er war auch schon in zahlreichen alten Kulten bekannt. Weihrauch wurde zusammen mit dem Speiseopfer verbrannt, um den Fettgeruch zu überdecken, er war Bestandteil zur Abwehr von Dämonen oder er wurde gegen Krankheiten und gegen Naturphänomene eingesetzt. Im alten Ägypten wurde das tropfenförmige Harz als "Schweiß der Götter" bezeichnet. Und im Judentum befand sich spätestens im zweiten Tempel von Jerusalem der Rauchopferaltar vor dem Vorhang zum Allerheiligsten, an dem morgens und abends ein Rauchopfer dargebracht wurde. Mit Weihrauch wurden hochgestellte Persönlichkeiten geehrt und im römischen Kaiserkult wurde der Kaiser als Herr und Gott verehrt. Das war auch der Grund dafür, dass der Weihrauch im Christentum erst nach einer gewissen Verzögerung seinen Einzug fand. In den Anfängen des Christentums fand der nur Anwendung im Bestattungskult. Kaiser Konstantin verlieh den Bischöfen 318 n. Chr. einen eigenen Rechtsstatus als hochrangige Reichsbeamte mit entsprechenden Statussymbolen, so dass beim Einzug des Bischofs Leuchtenträger (Cerorferar) und Weihrauchfassträger (Thuriferar) vorausgeschickt worden sind.

Die heutige Verwendung von Weihrauch in der katholischen Kirche wurde vor allem durch die gallische Liturgie beeinflusst. Ab dem 11. Jahrhundert fand der Weihrauch in der römisch-katholischen Liturgie seinen festen Platz. Weihrauch wird eingesetzt in der heiligen Messe, im Stundengebet (vor allem in der Laudes und Vesper), zur Verehrung der Eucharistie außerhalb heiliger Messen und bei der Begräbnisfeier. Die eucharistischen Gaben sowie alle Christussymbole (Altar, Evangeliar, der Priester, das Altarkreuz, die Osterkerze, die Gläubigen) werden mit dem Weihrauchfass inzensiert. Bei der Begräbnisfeier werden auch der Sarg und das offene Grab mit dem Sarg darin inzensiert. Weihrauch steht immer für Reinigung, Verehrung und Gebet.

 

Weihrauch - der Gebrauch in der heutigen Zeit

Mit dem Humanismus und der einsetzenden Aufklärung nahm die Bedeutung des Weihrauchs in Medizin und Liturgie ab. In der orthodoxen Liturgie im byzantinischen Ritus und in der orientalischen Liturgie wird Weihrauch noch immer als "Duft des Himmels"  angewendet und entsprechend hoch gehalten. Das rührt her von der alten orientalischen Vorstellung, dass eine Gottesbegegnung immer mit einem Dufterlebnis verbunden ist.

Weihrauch ist immer ein wesentlicher Bestandteil in den Religionen und in der Medizin. Diese Faszination hat er bis heute nicht verloren, im Gegenteil erlebt er in der Alternativmedizin und in der römisch-katholischen Liturgie wieder eine gewisse Renaissance. Und er war und wird immer verbunden sein mit den Begriffen Heilung und Heil. 5000 Jahre weht sein Duft durch die wechselvolle Geschichte der Menschheit und verbindet scheinbar mühelos alle Kulturen der Erdenrunds. Es wird spannend bleiben, welche Bedeutung der Weihrauch auch in der Zukunft haben wird.