Der Grieche Hippokrates, Begründer der wissenschaftlichen Medizin, wusste es, ebenso der seiner Zeit berühmte persische Arzt Avicenna und die Benediktinernonne und Mutter der Naturheilkunde, Hildegard von Bingen, wusste es auch – Weihrauch war und ist weit mehr als nur heil-ig, er ist auch heil-end und birgt vielleicht ein weitaus größeres Potenzial für die Medizin als bisher angenommen.


Seit Jahrtausenden wird der wohlriechende Harz des Weihrauchbaumes in verschiedensten Kulturkreisen, vom alten China bis zum mittelalterlichen Europa, als Heilmittel verwendet. Man verordnete es bei Atemwegserkrankungen, Rheuma, zur Wundreinigung oder bei Arthritis. Nachgewiesen war die heilende Wirkung des Weihrauchs dabei lange Zeit nicht, stattdessen berief man sich einzig auf positive Erfahrungswerte. Mit der Entwicklung synthetisch-chemisch hergestellter Arzneimittel im 19. Jahrhundert grenzte sich die neue, auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Schulmedizin immer stärker von der traditionellen, abendländischen Erfahrungsmedizin ab. Man fasste diese von jenem Zeitpunkt an unter dem neuen Begriff „Naturheilkunde“ zusammen. Im Zuge dessen verschwand auch zusehends das Interesse am natürlichen Wirkstoff Weihrauch. Erst in den letzten Jahrzehnten begann die Schulmedizin sich wieder an die Alternativmedizin anzunähern und rückte natürliche Heilmittel stärker in den Fokus von Forschung und Wissenschaft.


In den Neunzigerjahren befasste sich insbesondere der Pharmakologe Theodor Ammon von der Universität Tübingen mit der Wirkung von Weihrauch. Dabei stellten er und seine Mitarbeiter fest, dass die, in ihm enthaltene Boswelliasäure die Bildung von bestimmten Entzündungsstoffen, namentlich Leukotrienen, hemmt und ebneten damit den Weg für die Verwendung von Weihrauchpräparaten in der Therapie von chronisch entzündlichen Erkrankungen insbesondere des Darms oder der Gelenke. Auf diesem Gebiet wurden seitdem viele weitere, vertiefende Studien durchgeführt. Ein anderer Forschungszweig, der sich schon seit längerem mit Weihrauch befasst, ist die Krebsforschung. Auch hier geht es vornehmlich um die Wirkung der Boswelliasäure. Im Fall von Hirntumoren kann Weihrauchextrakt die Bildung von Hirnödemen, also Wassereinlagerungen rund um den Tumor, die zu Kopfschmerzen, Sprachstörungen oder Lähmungen führen können, eindämmen. So können zum einen unmittelbare Beschwerden der Patienten gelindert werden, zum anderen kann eine gleichzeitig angewendete Strahlentherapie bisweilen besser anschlagen oder der Tumor für einen chirurgischen Eingriff besser zugänglich gemacht werden. Auch die Ausbreitung eines Tumors könnten im Weihrauch erhaltene Stoffe möglicherweise verhindern.


Trotz vieler Studien mit positiven Ergebnissen ist jedoch die Wirksamkeit von Weihrauch in diesen Zusammenhängen lange noch nicht gründlich genug erforscht und insgesamt umstritten. In der EU sind daher bisher noch keine Medikamente mit Wirkstoffen von Weihrauch erhältlich. Dennoch greifen bereits heute viele Patienten aus Überzeugung auf naturheilkundliche Weihrauchpräparate wie beispielsweise Nahrungsergänzungsmittel auf Weihrauchbasis zurück. Dass das mystische Räucherwerk großes Potenzial für die Medizin aufweisen könnte, hat sich bereits jetzt gezeigt. Nun gilt es diesem Potenzial im Zuge der Forschung genauer auf den Grund zu gehen und konkrete Wirksamkeiten nachzuweisen.